— von Ursula Gärtner

Grazer Repositorium antiker Fabeln (GRaF)

Unser Webportal GraF war lange vor Corona konzipiert und kurz vor Ausbruch der Epidemie zu einem vorläufigen Ende gebracht. Es war als Anregung und Ergänzung zu herkömmlichen Schulausgaben gedacht. Nun mag es den KollegInnen auch dazu dienen, die Fernlehre abwechslungsreicher zu gestalten. Es sei hier daher kurz vorgestellt.

1. Warum Fabeln?

Wer kennt nicht die ‚sauren Trauben‘? Nicht nur die Fabel vom Fuchs, der die Trauben nicht erreicht und sie dann als sauer und somit unattraktiv bezeichnet, ist wohl bekannt; Fabeln sind überhaupt weit verbreitet. Doch wo stammen sie her? Welche Funktion hatten sie in der Antike? Wie verwenden wir sie heute? Lassen sie sich auf heute übertragen? 

Das Webportal GRaF führt Schüler/innen (SuS) der Fächer Latein und Altgriechisch an literatur- und kulturwissenschaftliches Arbeiten heran. Fabeln eignen sich, da die Texte kurz und sprachlich relativ leicht sind; ferner fordern sie durch ihre Bildhaftigkeit zur Interpretation auf. Zugleich kann man an ihnen besonders gut die produktions- wie rezeptionsgebundene Kontextualisierung erkennen. Denn Fabeln waren in der Antike zunächst rhetorische Argumentationsmittel, die als Bilder einen Sachverhalt verdeutlichen sollten. Wenn Fabeln jedoch in Sammlungen zusammengestellt oder als Einzelgedicht- oder Prosaerzählung vorlegt werden, fehlt den Rezipienten der Kontext. Hier lässt sich mit SuS deutlich herausarbeiten, wie man Texte einerseits lesen kann unter der – völlig berechtigten – Frage „Was sagt mir das heute?“ oder wie man sich als (angehende) WissenschaftlerInnen fragen muss, was der Text, den man oft erst mühsam erstellen muss, wohl damals für die Rezipienten ausgesagt haben könnte. 

2. Ziele

In der wissenschaftlichen Forschung werden antike Fabeln erst in der neueren Zeit als ausgefeilte Kunst wahrgenommen. In der fachdidaktischen Literatur gab es zwar kontinuierlich Schulausgaben; was jedoch fehlt, sind Werke, die die aktuellen wissenschaftlichen Ergebnisse rezipieren. Das übergeordnete Forschungsziel des Projekts ist daher eine Synthese fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Forschung. Die SuS können aktuelle literaturwissenschaftliche Forschung hautnah miterleben und werden durch die digitale Ausgabe unmittelbar miteinbezogen. 

3. GRaF

Das Webportal GRaF versteht sich nicht als Lernplattform, sondern bietet einen innovativen Ansatz, der die Prinzipien einer kommentierten und annotierten wissenschaftlichen Digitalen Edition in TEI-XML mit dem neuen Konzept des Digitalen Schulbuchs verbindet. Die Ausgabe wird auf GAMS (Geisteswissenschaftliches Asset Management System; Graz) als dynamische Repräsentation aus langzeitarchivierten Daten verfügbar gemacht. 

Im Einzelnen bietet das Portal den NutzerInnen Folgendes:

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Unter „Über“ findet man alle nötigen Informa-tionen über das Webportal wie etwa eine Beschreibung des zugrundeliegenden Projekts, das während der zweijährigen Laufzeit in der Reihe „Sparkling Science“ vom österreichischen Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung gefördert wurde. 

Beteiligt waren WissenschaftlerInnen und Studierende der Universitäten Graz und Potsdam sowie SchülerInnen des Akademischen Gymnasiums (Graz), des Bundesgymnasiums Rein (Gratwein-Straßengel), des Bundesrealgymnasiums Petersgasse (Graz), des Bischöflichen Gymnasiums (Graz) sowie des Lise-Meitner-Gymnasiums (Falkensee, Deutschland). Die Fabeln wurden gemeinsam von allen bearbeitet und die Zwischenergebnisse bei zwei internationalen SchülerInnenkongressen vorgestellt. 

Ferner findet man dort eine Inhaltsübersicht, Hinweise zur Benutzung des Portals, eine Vorstellung unseres Teams, eine Dokumentation der technischen Details, Informationsmaterialien, eine Liste der Publikationen zu GRaF sowie eine nützliche Liste mit online verfügbaren Ressourcen für den altsprachlichen Unterricht.  

Unter ‚Events‘ sind Aktivitäten wie die ‚Grazer Lateintage‘ und die SchülerInnenkongresse dokumentiert, die Anregungen für eigene Unternehmen geben können.

Unter ‚Hilfe‘ sind konkrete Hinweise zur Benutzung des Portals bereitgestellt.

Zum Einstieg in die eigentliche Arbeit mit den Fabeln finden sich unter „Einleitung“ folgende Beiträge: Einführung zur antiken Fabel, Textkritik, Metrik, Aesop, Babrios, Phaedrus, Avian. Diese Texte, die speziell für das Portal verfasst wurden, sind fachwissenschaftlich auf dem neusten Stand und mit Belegen und Fußnoten versehen, aber so geschrieben, dass sie auch für SuS verständlich sind. Sie sind elektronisch einsehbar; sie lassen sich aber auch als eine pdf-Datei herunterladen samt Empfehlung zur Zitierweise:

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ine umfassende „Bibliographie“ bietet vielfältige Recherchemöglichkeiten:

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Herzstück sind die Materialien zu etwa 40 antiken Fabeln. Über eine Übersicht, in der auch thematische Schlagwörter angegeben sind, lassen sich die gewünschten Fabeln auswählen. Für den Unterricht oder die Selbstarbeit online lässt sich diese variabel gestalten: Unter „Text & Übersetzung“ ist der lateinische oder griechische Text nach der angegebenen textkritischen Ausgabe wiedergegeben. Eine Übersetzung kann nach Wunsch eingeblendet werden. Jede Fabel wurde neu und eigenständig übersetzt. Die Übersetzung ist ausgangssprachenorientiert und dem dokumentarischen Übersetzen verpflichtet. Ziel ist es dabei, zum einen die besondere Sprachstruktur der Gedichte abzubilden, zum anderen aber auch verständliches Deutsch zu liefern. Die Übersetzungen sollen nicht so sehr der vergnüglichen Lektüre dienen als einen weniger Sprachkundigen den fremdsprachigen Text nachvollziehen lassen. Die Fabeln wurden mit Vokabelangaben versehen, die wahlweise am Rand angezeigt werden oder per Checkbox eingeblendet werden können und einzeln durch Cursor-Berührung aufscheinen, d.h. diese werden, wenn die Checkbox aktiviert ist, im Text je nach Angabenart farblich markiert. Grundlage ist für die Auswahl der Angaben der im Lehrbuch ‚medias in res‘ vermittelte Grundwortschatz. Angeben wird i.d.R. die Grundbedeutung, nicht nur die ‚hier‘ vorgeschlagene Bedeutung. Beigegeben sind entsprechende Grammatikangaben, ebenfalls auf der Grundlage des von ‚medias in res‘ vermittelten Basiswissens. Die Angaben sind durch Sacherklärungen ergänzt. Sämtliche Fabeln sind mit einer metrischen Analyse versehen, die durch Anklicken über dem lateinischen Text eingeblendet wird. Schließlich kann auch die Gliederung der Fabel entsprechend im lateinischen Text angezeigt werden:

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Zu den einzelnen Fabeltexten gibt es unter „Metadaten“ noch folgende Informationen: 

Sämtliche aufgeführten Fabeln sind verschlagwortet, um den NutzerInnen unter verschiedensten Gesichtspunkten passende Fabeln zur Verfügung zu stellen. Die Fabeln sind zudem den Modulen des österreichischen Lehrplans zugeordnet. Zu jeder Fabel findet sich die Angabe der wissenschaftlichen Textausgabe sowie weiterführende Sekundärliteratur und Vergleichsstellen. Schließlich werden weitere Informationen geliefert wie etwa ein Zitiervorschlag.

Zentral sind schließlich die unter „Interpretation“ vorgeschlagenen Arbeitsaufträge mit entsprechenden Lösungsvorschlägen. Ziel ist es hierbei, die Literaturkompetenz der SuS zu stärken und sie mit wissenschaftlichen Ansätzen vertraut zu machen. Es soll vor allem der subjektiven Deutung und allzu leichtfertigen Transferleistung eine gewisse Objektivität gegenübergestellt werden.  Vorsichtig wird auch das Augenmerk auf die Textüberlieferung gerichtet und jeweils eine Frage zur Textkritik gestellt. Zu den Aufgaben gehört i.d.R.: 

1. Paraphrasieren Sie den Ausgangstext!

2. Gliedern Sie den Ausgangstext nach dem (typischen) Aufbau einer Fabel! Nennen Sie auffällige Gemeinsamkeiten und Unterschiede! 

3. Erläutern Sie, welche Deutung durch das Promythion/Epimythion nahegelegt wird!

4. Finden und kennzeichnen Sie folgende Stilmittel: z.B. Hyperbaton, Anapher, Alliteration! Welche Bedeutung haben sie für die Interpretation der Fabel?

5. Nehmen Sie Stellung zu dem textkritischen Problem: Die wichtige Handschrift A bietet xxx, für eine andere Handschrift, B, ist yyy bezeugt! Inwiefern ist die Entscheidung hier bedeutungstragend? Wie lässt sich welche Variante als Fehler erklären?

Hieran schließen sich je nach Fabel Fragen zur Charakterisierung der Protagonisten, zum Vergleich mit entsprechenden Fabeln bei Aesop, Babrios, Avian, La Fontaine oder Lessing oder zur Bedeutung von intertextuellen Bezügen an. Hierzu sind die entsprechenden Texte jeweils im Original sowie in einer neu erstellten Übersetzung unter „Vergleichsstellen“ zu finden.

Gefragt wird ferner, wie die Fabel wohl von einem zeitgenössischen Publikum verstanden werden sollte bzw. wurde; dazu werden entsprechende Vergleichsstellen oder Belege aus der Sekundärliteratur bereitgestellt. Ferner wird zumeist eine These aus der Sekundärliteratur durch ein Zitat präsentiert, zu dem man auf Grund der Erarbeitungen Stellung nehmen soll.

Sämtliche Fragen sind so formuliert, dass die SuS mit dem bereitgestellten Material eine eigenständige Lösung erarbeiten können. Auf weiterführende oder offene Fragen (z.B. Informieren Sie sich zu ...) wurde bewusst verzichtet. Verzichtet wurde auch auf Transferleistungen; diese sind unbestritten sinnvoll; sie hätten jedoch den Rahmen des Projekts gesprengt und sind, wenn gewünscht, leicht zu ergänzen. Das Gleiche gilt für kreative Umsetzungen. Im Projekt selbst wurden diese durchaus verlangt und bei einem SchülerInnenkongress (s. „Events“) vorgeführt und prämiert.

Die Lösungsvorschläge bieten entsprechende Antworten, möglichst präzise auf relativ knappem Raum. Diese Antworten sollten i.d.R. keine weiteren Informationen bringen. Texte wie Fragen lassen sich als pdf-Datei ausdrucken, und zwar einmal als Aufgabenstellung für die SuS ohne Übersetzung und Antworten, aber mit den Vergleichsstellen im Original mit Übersetzung, und einmal als „LehrerInnenversion“ mit allen Angaben:

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Unter „Vergleichsstellen“ sind schließlich alle in den Aufgaben genannten Texte im Original und neu erstellter Übersetzung einzusehen. Ergänzt werden diese Texte durch ein „Glossar“, entweder direkt neben dem Text in dem blauen Feld oder alphabetisch recht anzuklicken, in dem knapp die wichtigsten Daten zu den Autoren geboten werden; das schwarze Feld unterhalb des Texts liefert beim Anklicken die Angabe der wissenschaftlichen Textausgabe:

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4. Schluss

Ziel des Projekts war es, möglichst vielfältige Materialien zur Verfügung zu stellen, sei es für eine Unterrichtseinheit, sei es für die Arbeit am Computer im Unterricht oder sei es für das Eigenstudium zu Hause. 

Selbstverständlich ließe sich ein solches Webportal noch erweitern und ausbauen. Für Anregungen und Kritik sind wir daher dankbar. Es ist geplant, je nach Kapazität weitere Fabeltexte einzuspeisen. Träumen ließe sich auch von entsprechenden Portalen zu anderen Themen. Doch vorerst bleibt nur darauf hinzuweisen, dass dieses Webportal nur durch die engagierte Mitarbeit aller Beteiligten entstehen konnte; dazu s. „Über/Team“ ...

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