— von Adrian Fricke

Dieser Text entstand im Dezember 2020, als einige Länder bei der Zulassung der Impfungen und beim Impfstart vorpreschten und man der EU vorwarf, zu zögerlich damit zu sein. Zudem zeichnete sich bereits damals ein Impfnationalismus ab, also das rücksichtslose Verhalten einiger Länder bei der Beschaffung der Impfstoffe. Der Philosoph erörtert hier, warum dies insgesamt ein schädliches Verhalten ist und nicht auch noch Beifall finden sollte. Der Diskurs hat sich jetzt, im März 2021, etwas verschoben (die Impfungen sind bei uns nun zugelassen), dennoch bleibt die gerechte Verteilung der Impfstoffe in der Welt ein wichtiges Thema, wie die WHO kürzlich erneut betonte: Nur zehn Länder seien in Besitz eines Großteils der verfügbaren Dosen, viele gehen weiterhin leer aus.

Über das richtige Vorgehen bei der Impfung.

Philosoph: Mein lieber Schüler, wie schön, dass wir uns wieder einmal treffen! Was treibst du in der Stadt? Die Geschäfte sind doch alle geschlossen.

Schüler: Es freut mich ebenfalls, dich zu sehen! Du hast Recht, im Moment gibt es in der Stadt nichts zu erledigen, aber ich gehe hier gerne spazieren und lasse die ungewohnten Eindrücke der Leere auf mich wirken. Das hilft beim Philosophieren.

Philosoph: Absolut richtig! Die Aufgabe des Philo-sophen ist es ja, zu beobachten und die hinter der Beobachtung liegenden Eindrücke zu interpretieren.

Schüler: Genau. Auch wenn ich hoffe, dass diese merkwürdige Zeit bald ein Ende finden möge. 

Philosoph: Auch darin stimme ich dir vollends zu. 

Schüler: Die bevorstehenden Impfungen gegen
die Krankheit stimmen mich allerdings tatsächlich zuversichtlich, dass sich bald alles zum Besseren wendet. Es hätte nur schon alles viel früher losgehen können und sollen, wenn man sich andere Länder ansieht! Du findest doch sicher auch, dass wir bereits vor einigen Tagen oder sogar Wochen mit den Impfungen hätten beginnen sollen?

Philosoph: Nein, in diesem Punkt muss ich entschieden widersprechen. Ich bin nicht deiner Meinung.

Schüler: Das überrascht mich jetzt. Gerade von dir, mein Lehrer, hätte ich erwartet, dass du aus deiner dir angeborenen Liebe zu den Menschen fordertest, die Impfungen so schnell wie möglich beginnen zu lassen, um möglichst viele Todesfälle zu verhindern.

Philosoph: Das ist richtig, aber meine Menschenliebe betrifft nicht nur die Menschen in unserem Land, sondern alle Menschen auf diesem Planeten. Und wenn andere Länder bei der Impfung Alleingänge machen, könnte dies insgesamt dem Vorhaben, möglichst viele Menschen zu impfen, schaden. Es sät Zwietracht und negative Gefühle bei denjenigen, die auf Kooperation und gegenseitige Unterstützung bedacht sind und nun durch diese Alleingänge Nachteile haben.

Schüler: Welche Art von Nachteilen meinst du? 

Philosoph: Nun, je weniger Impfstoff in einigen Ländern vorhanden ist, desto mehr Menschen infizieren sich dort, was wiederum die Entstehung von Mutationen fördert. Dies könnte dann erneut zu einem globalen Problem werden. Aus menschlicher Perspektive meine ich aber vor allem das Gefühl, abgehängt zu sein. Dies spiegelt sich seit einigen Tagen in unseren Medien wider. Hier sieht sich unser Gesundheitsminister täglich mehr werdenden Vorwürfen ausgesetzt, unser Land sei zu zaghaft bei der Zulassung der Impfung, während andere Länder schon längst Nägel mit Köpfen gemacht hätten. Dies weckt bei der Bevölkerung negative Gefühle und ist äußerst kontraproduktiv. Und schon längst sind die Berichte vom Jahresbeginn vergessen, in denen gemahnt wurde, die Impfung sei ein globales Projekt und verlange uneingeschränkte Zusammenarbeit.

Schüler: Mir scheint, du hast Recht. Ich bin überrascht: Wie ist es zu diesem Umschwung im Denken der Menschen gekommen? 

Philosoph: Und ich bin wiederum überrascht, dass du überrascht bist! Es liegt doch auf der Hand, und es gibt keinen Grund, sich deshalb zu wundern.

Schüler: Jetzt bin ich aber gespannt.

Philosoph: Stell dir Folgendes vor: Ein Mann besitzt einige Hühner. Morgens steht er auf und will sie füttern. Als er zu ihrem Stall geht, ist noch alles ruhig: Einige Hühner schlafen vielleicht noch, andere hingegen sind bereits wach und laufen gemächlich herum. Wenn der Mann aber in Sichtweite kommt, gerät Bewegung in den Hühnerstall: Diejenigen Tiere, die noch geschlafen haben, wachen auf, und die übrigen machen sich bereits auf den Weg in die Richtung des Mannes. Das eine oder andere Huhn gibt vielleicht sogar ein Geräusch von sich.
Dann betritt der Mann den Stall und wirft das Futter hinein, und sofort herrscht großes Durcheiander: Ein einziges Gewimmel von Federn, ein Gekreische und Geschubse entsteht, die Hühner springen übereinander hinweg, um möglichst schnell zum Futter zu gelangen. Aufgrund ihrer Statur gelangen die dicksten und stärksten Tiere zuerst zum Futter, weil sie in der Lage sind, die anderen mit ihrer Wucht aus dem Weg zu räumen. Und nicht nur das: Sobald sich die ersten ein Futterkorn geschnappt haben, rennen sie davon, damit es ihnen nicht gestohlen werden kann. Höchst lustig für den Betrachter ist es übrigens, dass andere Hühner dem ersten Huhn hinterher rennen, obwohl es doch noch genügend andere Futterkörner auf dem großen Haufen gäbe! Kommt dir dieses Bild bekannt vor?

Schüler: Aber ja, jeder, der mal die Fütterung von Hühnern gesehen hat, wird dies bestätigen können.

Philosoph: So ist es. Was würdest du nun zu dem Mann sagen, wenn er sich über das Verhalten seiner Hühner wundern würde?

Schüler: Ich würde überhaupt nichts zu ihm sagen, sondern ihn auslachen. Es liegt doch in der Natur der Hühner, dass sie derartige Dinge tun.

Philosoph: Richtig. Genau so verhält es sich leider auch bei den Menschen! Im Frühjahr, als der Impfstoff noch nicht in Sicht war, hat man sich damit gebrüstet, man wolle sich bei der Impfung gut koordinieren und keine Alleingänge bei der Zulassung machen. Nun, da der Impfstoff verfügbar ist, gleichen die verschiedenen Länder wiederum dem Hühnerhaufen: Einige Länder haben die Impfung auf eigene Faust zugelassen; sie sind wie diejenigen Hühner, die vorpreschen und unbedingt die ersten sein wollen, die das Futterkorn bekommen. Einige Menschen aus anderen Ländern beklagen sich nun darüber und tadeln ihre Politiker, dass sie an diesem Wettlauf nicht teilgenommen haben, sondern besonnen waren und ihr Handeln gemeinsam koordinieren wollten. Diese wenigen, die das genannte Vorgehen kritisieren, sind wie die Hühner, die den erstbesten Hühnern so sinnlos hinterher laufen, obwohl es doch einen reichen Vorrat an Futter gibt und sie mit ihrem Verhalten wertvolle Zeit und Energie verschwenden, und am Ende nur die kleinsten und trockensten Futterkörner bekommen.

Schüler: Ich bin froh, dich als meinen Lehrer zu haben! Ein wirklich treffendes Bild hast du da in meinem  Kopf gezeichnet. Bleib gesund!

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