— von Klaus Bartels

Die Ideen, die wir einfach so „haben“, sind ein flatterhaftes Völkchen, und der Sprachgebrauch bezeugt es: Sie kommen uns – wer weiss, woher? – , sie fallen uns ein, und dann haben wir sie und können schauen, was sie taugen. Von den Ideen dieser Art, wie sie alljährlich vor dem Fest als „Geschenk-Ideen“ in den Einkaufsmeilen ausschwärmen, gibt es vielerlei: gute und schlechte, Glanzideen und Schnapsideen, tolle und total verrückte. Die besten, so scheint es, sind die originellen, die „ursprünglichen“, die sonst noch keiner hatte. 

Aber wie „ursprünglich“ auch immer: Vom Ursprung des Wortes sind alle diese Ideen eine lange Wortgeschichte weit entfernt. Am Anfang steht da eine griechische idéa, ein Spross der Wurzel vid-, „sehen“, der erstmals im 5. Jahrhundert v. Chr. erscheint und zunächst das „Aussehen“ zumal eines schönen Menschen bezeichnet. So preist Pindar einen jungen Olympiasieger im Faustkampf als „in seiner idéa – von Angesicht – schön“; so rühmt Sokrates in Platons „Charmides“ die hinreissende idéa des schönen Titelknaben; so beschreibt noch Matthäus Jahrhunderte später die Erscheinung des Engels vor dem leeren Grab Jesu: „Seine idéa war wie ein Blitz und sein Gewand weiss wie Schnee.“ 

In der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. hat Platon diese idéa von der leiblichen Sicht auf die geistige Sicht übertragen und mit seiner „Ideenlehre“ das Wort in die höchsten Sphären der Philosophie aufsteigen lassen. Da steht hinter all den vielen mehr oder weniger kreisrunden Kreidekreisen die eine „Idee“ des Kreises, das eine Urbild des Kreises, das keinen noch so schmalen Kreidestrich breit ist, keine Grösse und keine Farbe hat und einzig mit dem geistigen Auge zu schauen ist. 

Und entsprechend steht da hinter all den vielerlei mehr oder weniger gerechten Handlungen und Ordnungen die eine „Idee“ der Gerechtigkeit, das eine Urbild der Gerechtigkeit, das kein besonderes Hier und Jetzt hat und wiederum einzig mit dem Auge des Geistes zu schauen ist. In der Philosophiegeschichte hat Platons „Ideenlehre“ keine Fortsetzung gefunden. Aber in der Wortgeschichte hat sie der idéa den Weg von der leiblichen Schönheit zu den geistigen Werten und überhaupt zu den inneren Sichten gewiesen. Im klassischen Latein ist eine idea nicht heimisch geworden. Aber in der Neuzeit, im 17. und 18. Jahrhundert, hat das altgriechische Wort im neusprachlichen Euro-Wortschatz wieder ein weitgefächertes Bedeutungsspektrum gefunden. In der Freiheits-Idee und mancherlei anderen solchen Werte-Ideen wie der Olympischen Idee oder der jungen Europa-Idee hat das Wort seinen von Platon her angestammten geistigen Rang bewahrt. Im Alphabet des „Grossen Duden“ reicht die lange Reihe der Ableitungen und Komposita von der „Idealbesetzung“ bis zu einem „Ideenwettbewerb“. Womit wir wieder bei jenen flatterhaften Ideen wären, die uns in dem einen Augenblick einfallen und im nächsten vielleicht schon wieder verworfen werden. Kann ein Wort tiefer abstürzen als von Platons „Idee des Guten“ bis zu der Idee, am Abend mal wieder ins Kino zu gehen? Es kann: bis zu der Mini-„Idee“, diesem Fast-Nichts, um das eine Hose zu lang oder zu kurz, eine Suppe zu stark oder zu schwach gesalzen ist. Warum die wohl so heisst?

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