— von Andreas Fritsch

Epicedium in obitum Comenii. Zum Tod des Comenius vor 350 Jahren (1670)

In den Mitteilungsblättern des Altphilologenverbandes gab es in den letzten Jahrzehnten schon mehrmals Hinweise auf Johann Amos Comenius (1592–1670), da er nicht nur als Begründer der neuzeitlichen Pädagogik, sondern auch als bedeutender Sprachdidaktiker1 gilt.  Ein Großteil seiner Schriften ist in lateinischer Sprache abgefasst und darüber hinaus auch speziell dem Unterricht der lateinischen Sprache gewidmet. In seinem bedeutendsten sprachwissenschaftlichen und sprachdidaktischen Werk mit dem Titel Novissima Linguarum Methodus („Die neueste Sprachenmethode”) behandelt er die lateinische Sprache geradezu als ein „Modell von Sprache”.2 Die Lateinlehrer und -lehrerinnen als Vertreter des ältesten Faches der deutschen Schule haben Grund, ihn als kompetenten Vertreter ihres Faches zu verstehen, ja auf ihn stolz zu sein, zumal viele seiner methodischen Ideen und Anregungen, die für den modernen Schulunterricht und besonders den Fremdsprachenunterricht (z.B. auch die „direkte” Methode) von ihm „vorweggenommen”, sorgfältig formuliert und inzwischen selbstverständlich geworden sind. Zu seiner Zeit war Latein in Europa die lingua franca, damals schon seit über tausend Jahren zwar niemandes Muttersprache mehr, aber in vielen Ländern die Sekundärsprache, in der sich die Wissenschaftler, Politiker und Diplomaten verständigen konnten. Seine Vorschläge galten daher einer schnellen, angenehmen und sicheren Lehr- und Lernmethode dieser Sprache als eines Kommunikationsmittels im Alltag, in der Wissenschaft und überhaupt in der internationalen Verständigung.

In diesem Jahr 2020 gedenkt die bildungshistorisch interessierte Welt seines 350. Todestages. Er starb am 15. November 1670 in Amsterdam, im niederländischen Exil, da er bald nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges aus seiner mährisch-böhmischen Heimat vertrieben worden war. Aus diesem Anlass wurden und werden noch mehrere z.T. internationale Konferenzen durchgeführt, die sein Lebenswerk in Erinnerung bringen, untersuchen und weiter auswerten sollen. In Berlin organisierten Mitglieder der Deutschen Comenius-Gesellschaft zusammen mit anderen Institutionen einen Comenius-Gedenktag am 29. Februar 2020. Beteiligt waren auch der Altphilologenverband, der Förderkreis Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung, der Förderkreis Böhmisches Dorf und die Evangelische Brüdergemeinde der Herrnhuter in Berlin Neukölln, da Comenius bekanntlich nicht nur Pädagoge, Philosoph und Theologe, sondern vor allem auch der letzte Bischof der Böhmischen Brüderunität war. Daher fand die Veranstaltung auch im Kirchensaal der gastgebenden Brüdergemeine im Böhmischen Dorf in Berlin-Neukölln statt. Etwa hundert Besucher/innen fanden sich dazu ein. Vorträge hielten Theodor Clemens, Bischof der Brüderunität, der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Lischewski und der Unterzeichnete. Es gab nach alternativen Führungen durch den Comeniusgarten bzw. im Museum des Böhmischen Dorfes ein Podiumsgespräch zwischen dem Theologen und Comeniusforscher Dr. Manfred Richter und dem Landesbischof i.R. der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg und oberschlesische Lausitz Dr. Markus Dröge über Möglichkeiten der ökumenischen Verständigung und Zusammenarbeit zwischen den Kirchen zur Zeit des Comenius und heute. Eingerahmt wurde das Wortprogramm durch musikalische Darbietungen: Moritz Kayser, ein Jungstudent der Universität der Künste, spielte eine Cellosuite Solo von J.S. Bach, den Abschluss bildeten Lieder von Comenius und der Böhmischen Brüder, gesungen vom Chor der Brüdergemeine unter Leitung des Kantors Winfried Müller-Brandes.

Da es sich um eine Gedenkveranstaltung anlässlich des Todes von Comenius vor 350 Jahren handelte, brachte ich in Abstimmung mit den beteiligten Veranstaltern das lateinische Trauergedicht von Leibniz in Erinnerung. Dieses Gedicht ist zwar in dieser Zeitschrift schon einmal kurz vorgestellt worden.3 Diesmal konnte ich aber etwas ausführlicher auf den berühmten Autor Leibniz und seine Beziehung zu Comenius eingehen. Es folgt hier der Text meines Vortrags, wobei der Wortlaut weitestgehend beibehalten ist. Hinzugefügt wurden nur einige Anmerkungen und Literaturhinweise.

Der Vortrag

Meine Damen und Herren, 
liebe Comenius-Freunde, 

dass der berühmte Jurist, Mathematiker und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) im Alter von vierundzwanzig Jahren ein lateinisches Gedicht zu Ehren des gerade verstorbenen 78-jährigen Johann Amos Comenius verfasst hat, dürfte nicht jedem geläufig sein. Erst durch die jüngere Leibniz- und Comeniusforschung ist das mehr und mehr bekannt geworden. Das Leibniz-Archiv in Hannover besitzt davon sogar Originalhandschriften von Leibniz selbst. (Eine verkleinerte Kopie ist auf der Abbildung unten zu sehen.)

Wer Comenius war, ist im Kreis der Anwesenden einigermaßen bekannt. Ich fasse seine Bedeutung für die Pädagogik schlagwortartig mit einer Formulierung aus einem modernen „Wörterbuch der Pädagogik” zusammen. Demnach gilt er als „erster großer Theoretiker einer systematischen und umfassenden Pädagogik”.4 Seine ‘pansophische’ Erziehungs- und Bildungslehre stellt nicht nur „den Höhepunkt der Barockpädagogik” dar, sondern sie hat viele Probleme der modernen Pädagogik „vorweggenommen”, wie z.B. Bildung für alle, Jungen und Mädchen aus allen Schichten, Chancengleichheit, Vorschulerziehung, Learning by Doing, lebenslanges Lernen, Erwachsenenbildung und viele andere Prinzpien, die heute vielleicht trivial und selbstverständlich erscheinen mögen, zu seiner Zeit aber und noch lange danach als „Utopische Träume” eingestuft wurden.5Die Comeniusforschung entdeckt auch jetzt noch immer wieder neue Aspekte seines etwa 250 Titel umfassenden Gesamtwerks,6 wobei die vielen zum Teil sehr umfangreichen Briefe noch gar nicht mitgezählt sind. Nach der Vertreibung aus seiner Heimat, dem heutigen Tschechien, wandte er sich mit seinen Reformvorschlägen für Politik, Pädagogik und Theologie nicht mehr nur an seine böhmisch-mährischen Landsleute, sondern an ganz Europa und benutzte dafür die lingua franca seiner Zeit, die lateinische Sprache. Etwa Dreiviertel seiner Werke sind in dieser Sprache abgefasst. Daher habe ich selbst einige Aufsätze zum Latein des Comenius verfasst und fühle mich befugt, hier ein lateinisches Gedicht vorzustellen, das Leibniz, der letzte Universalgelehrte Europas, als junger Mann auf Comenius verfasst hat.

Für die Wiederentdeckung, Veröffentlichung und Übersetzung dieses Gedichts ist mehreren Wissenschaftlern zu danken. Erstmals gedruckt wurde es offenbar erst 1847 in der Ausgabe von Georg Heinrich Pertz.7 In jüngerer Zeit haben sich vor allem Hartmut Hecht (1993 und 2005)8 und Konrad Moll (2004)9 um die Bekanntmachung dieses Gedichts verdient gemacht.10 Seit 2006 ist es auch in der kritischen Leibniz-Edition zu finden.11 Es lagen seit 1892 einzelne deutsche Übersetzungen vor.12 Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Comenius-Gesellschaft, Werner Korthaase (1937–2008), bat mich seinerzeit um eine Neuübersetzung, die erstmals 1996 in dem von Golz, Korthaase und Schäfer herausgegebenen Band „Comenius und unsere Zeit” erschien. Meine Übersetzung verzichtete auf das antike Versmaß, bemühte sich aber um rhythmische Prosa; sie ist seitdem mehrmals an verschiedenen Stellen abgedruckt oder zitiert und auch in der genannten Leibniz-Edition erwähnt worden.

Es stellen sich die Fragen: Warum ausgerechnet Leibniz das Gedicht verfasst hat, und warum hat er es in kunstvollen lateinischen Versen gestaltet, d.h. in klassischen Distichen, die jeweils aus einem Hexameter und einem Pentameter bestehen?

Warum lateinisch? 

Diese Frage beantworte ich mit einem Zitat von Albert Einstein (1879–1955), dem großen Physiker des 20. Jahrhunderts. Er schrieb in einer Stellungnahme nach der Gründung des Völkerbundes (1919 in Genf) u.a.: „Noch im siebzehnten Jahrhundert sind die Wissenschaftler und Künstler von ganz Europa so fest durch ein gemeinsames idealistisches Band verbunden gewesen, daß ihre Zusammenarbeit durch die politischen Ereignisse kaum beeinflußt wurde. Der Allgemeingebrauch der lateinischen Sprache festigte noch die Gemeinschaft. Heute schauen wir auf diese Situation wie auf ein verlorenes Paradies.”13 Somit gehören viele Schriften von Leibniz, der sonst auch deutsch und französisch schrieb, nach heutigem Verständnis zur sog. „neulateinischen Literatur”.14 An Umfang übertrifft die Zahl neulateinischer Werke die Zahl der aus der Antike überlieferten lateinischen Texte – nach Schätzung von Experten – „um das Hundert- bis Zehntausendfache”.15

Woher kannte der 24-jährige Leibniz den mit 78 Jahren verstorbenen Comenius? 

Hierzu veröffentlichte der Leibnizforscher Konrad Moll in einem Aufsatz für das Comenius-Jahrbuch detaillierte Informationen.16 Die Frage, wie, wann und wo der junge Leibniz zu seinen Comeniuskentnissen kam, müsse zwar „offen bleiben”. Aber die Frage, was ihn prinzipiell schon in seiner Studentenzeit dem Comenius näherbrachte und ihn so sehr für ihn eingenommen hat, lasse sich „recht eindeutig beantworten.” (S. 46f.) Nach Molls Forschungen hatte Leibniz aber bereits als achtjähriges Kind Gelegenheit, „die Urform des Orbis sensualium pictus (das Lucidarium) von Comenius kennenzulernen und aus dieser Encyclopaediola sensualium zu lernen.” Schon das hat „sicher bei ihm Spuren hinterlassen”, zumal er sich später als junger Mann den Orbis sensualium pictus selbst gekauft hat (S. 47). Doch die eigentliche Verbindung von Leibniz zur Gedankenwelt des Comenius wurde (nach Molls Forschungen) durch die Schriften des reformierten Theologen und Philosophen Johann Heinrich Bisterfeld (1605–1655) hergestellt, der wie Comenius in der pansophisch ausgerichteten Hochschule im calvinistischen Herborn bei Johann Heinrich Alsted (1588–1638) seine geistige Heimat hatte (Moll, S. 47). Von Bisterfelds Philosophie übernahm Leibniz „die wichtigste Grundüberzeugung seines Lebens, die ,Harmonie’ alles Seienden”. Diese gemeinsame pansophische Verwurzelung lässt sich, wie Konrad Moll aufgezeigt hat, in Leibnizens früher Zeit „bis in biographische Einzelheiten hinein belegen” (S. 48). 

Bis heute gilt Leibniz als „Wunderkind”.17Die Berliner Philosophieprofessorin Katharina Kanthack (1901–1986) erzählt in ihrem Buch über „Leibniz. Ein Genius der Deutschen”:18 „Er lernt als Achtjähriger ohne jede Unterweisung Latein, indem er die Bildunterschriften einer Liviusausgabe gleichsam als Fibel benutzt” (S. 7 f.) Er „durchrast” bald nach dem frühen Tod seines Vaters dessen Bibliothek, „schwelgt in Folianten, sättigt sich an klassischen Schriftstellern, an Cicero und Seneca, Plinius, Herodot, Plato und Xenophon. […] Mit zwölf Jahren genügt ihm ein Vormittag, um dreihundert lateinische Hexameter anzufertigen. Aber er entzieht sich schnell wieder den Schlingen der Poesie und fällt dafür in die der formalen Logik” (S. 8). Doch die Fähigkeit und die Bereitschaft, lateinische Verse zu dichten, bleiben ihm zeitlebens  erhalten, nicht nur bis zu seinem 24. Lebensjahr, also bis zum Tod des Comenius; sondern auch 35 Jahre später, als er zum Tod der preußischen Königin Sophie Charlotte (1705) ein noch längeres lateinisches Gedicht verfasste. Mit ihr hatte er intensiven freundschaftlichen Umgang,19 und auf ihre Initiative gründete er bekanntlich zusammen mit dem Hofprediger Daniel Ernst Jablonski, einem Enkel des Comenius, im Jahr 1700 in Berlin die preußische Sozietät der Wissenschaften, die heutige Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Nach dem Tod der Königin Sophie Charlotte wurde die Stadt Lietzenburg in Charlottenburg umbenannt, wie der betreffende Berliner Stadtteil noch heute heißt. Von ihr angeregt veröffentlichte Leibniz seine „Theodizee” und widmete das Werk ihrem Andenken.20

Die lateinische Verskunst setzt aber nicht nur poetische Phantasie, sondern auch gründliche Kenntnis der lateinischen Sprache und Literatur voraus, insbesondere die genaueste Beachtung der Längen und Kürzen der Silben. Die antike Metrik hat darüber hinaus wohl auch eine gewisse Nähe zur Mathematik und Technik.21 Heute ist Leibniz, der ja eigentlich Jurist und Diplomat war, bekannt als der bedeutendste Mathematiker seiner Zeit. Er gilt als „der letzte Gelehrte” Europas, „der das gesamte Wissen seiner Zeit beherrschte”.22 Leibniz (1646–1716) und Newton (1643–1727) haben in etwa zur selben Zeit, aber unabhängig voneinander, die Differenzial- und Integralrechnung entwickelt. Leibniz hat auch – was für uns alle und für die Entwicklung der Informatik bis heute von allergrößter Bedeutung ist – das binäre Zahlensystem oder Dualsystem erfunden;23 auf dieser Grundlage baute er selbst eine mechanische Rechenmaschine. Zur vollen Geltung kam diese Leibnizsche Entdeckung aber erst im elektronischen Zeitalter. Jetzt konnte man Computer bauen und die Ziffer 1 „durch einen Stromstoß, die Null durch das Ausbleiben des Stroms vertreten lassen.”24

Unter den Büchern in der Bibliothek von Leibniz sind zwei kleine Werke von dem erwähnten Johann Heinrich Bisterfeld erhalten geblieben, „die er offenbar in seiner Studentenzeit in Leipzig oder in Jena gelesen hat. Sie haben seine geistige Biographie prägend mitbestimmt.” Darin finden sich Randnotizen von Leibniz, die, wie Moll schreibt, „unmittelbar ins Zentrum der späteren Leibnizschen Philosophie” führen (S. 48). Demnach hat die Universalharmonie (panharmonia) aller Dinge ihren Grund in der göttlichen Trinität (S.49 f.).25 In ihr liegen sowohl Quelle wie Maß und Ziel aller (Welt-)Ordnung. Der Mensch darf dem, was existiert, keine Gewalt antun, das kommt im Lebensmotto des Comenius zum Ausdruck, in dem von Comenius selbst geprägten lateinischen Hexameter: Omnia sponte fluant, absit violentia rebus. „Alles fließe von selbst, Gewalt sei ferne den Dingen.” 

Er wiederholt oder interpretiert diesen Wahlspruch in mehreren Schriften, so auch in der zu seiner Lebenszeit nicht mehr veröffentlichten Pampaedia, dem Herzstück seines siebenbändigen Hauptwerks.26 Auch in der „Großen Didaktik” (Didactica magna) betont er mehrfach das Prinzip der Gewaltlosigkeit.

Der Spruch findet sich als Umschrift auf dem Emblem vieler Werke des Comenius, erstmals 1648 auf der Titelseite seiner „Neuesten Sprachenmethode” (Methodus Linguarum novissima)

Nach dem Tod des Comenius meldete sich der Tübinger Professor Magnus Hesenthaler, (1621–1681), der mit Comenius befreundet war, bei Leibniz und bat ihn um ein lateinisches Trauergedicht auf den Verstorbenen für dessen Sohn Daniel Comenius (1646–1696).27 In einem Brief an Hesen-thaler schreibt Leibniz, dass er dadurch Anlass und Gelegenheit hatte, sich mit den Schriften des Comenius intensiv zu befassen, „in Comenii scriptis animi attentione versari”. Ausdrücklich schreibt Leibniz: „Seine didaktischen Schriften finde ich insgesamt gut” (Didactica ejus in summa probo) und zur Janua linguarum reserata bekennt er: „Dem Comenius stimme ich also durchaus zu, dass das Tor zu den Sprachen (Janua linguarum) so etwas sein muss wie eine kleine Enzyklopädie” (vgl. Moll, S. 46): Comenio igitur prorsus assentior, Januam Linguarum et Encyclopaediolam debere esse idem.28 Es geht also um das Unterrichtsprinzip, Sprach- und Sachinhalt aufs engste zu verknüpfen.

Das zeigt sich auch heute noch, für jeden erkennbar und anschaulich, an dem Kinder-, Bild- und Sprachlehrbuch des Comenius, dem Orbis sensualium pictus (1658), das man zu Recht zu den etwa 400 Büchern zählt, „die die Welt verändern” konnten.29 Dieses Kinderbuch versucht – wie die pansophischen Schriften für die Erwachsenen, die Theologen, Philosophen und Politiker – von Vornherein in den Einzelheiten doch immer zugleich auch das Ganze ganzheitlich zu vermitteln (omnia omnino): „Weltall, Erde, Mensch”,30aber eben als Schöpfung Gottes.

Die große Bedeutung des Comenius für die Sprachwissenschaft kann hier nur nebenbei erwähnt werden. Die Linguistin Ulrike Haß-Zumkehr kam vor zehn Jahren (2010) zu der verblüffenden Feststellung, dass Comenius mit dem Orbis pictus und der Janua linguarum und deren später bearbeiteten Auflagen „der einflussreichste Lexikograf aller Zeiten und ganz Europas” gewesen sei!31 Die Bemühungen des Comenius um die Verständigung unter den christlichen Konfessionen und der Einsatz für den Frieden zwischen den uropäischen Staaten sind durchaus mit den Anstrengungen Leibnizens vergleichbar. Am 25. August 2018 hat hier an dieser Stelle in der Gedenkveranstaltung für Werner Korthaase Herr Dr. Hartmut Rudolph darauf hingewiesen.32 Von alldem findet sich in dem kleinen Gedicht, um das es hier geht, gewissermaßen in nuce eine Fülle von Anklängen und Andeutungen, und es ist in wenigen Minuten (bzw. auf beschränktem Raum) kaum möglich, die Vielzahl der literarischen, philosophischen und biografischen Anspielungen im Einzelnen aufzuzeigen und zu interpretieren. Einige Hinweise finden sich in der Anmerkung.33

Nun aber möchte ich zum Schluss das Gedicht von Leibniz im Original vortragen. Mit Hilfe des Handouts (hier nicht abgedruckt) haben Sie dann selbst zu Hause die Möglichkeit, die verschiedenen Übersetzungen auf ihre Treffsicherheit zu vergleichen. Wie ein Musikstück, das man hören, nicht nur lesen muss, soll auch das Leibniz-Gedicht auf Comenius hier im Original erklingen, bevor ich es in Prosa übersetze.


Gedicht: In Comenii obitum

(Leibniz notierte hierzu: Versus, quos Hesenthalero misi.)

Fortunate senex, veri novus incola mundi,

   Qvem pictum nobis jam tua cura dedit.

Seu res humanas insanaqve jurgia, liber

   Despicis, et nostris usqve movere malis;

Sive Apicem Rerum et mundi secreta tuenti,              

   Interdicta solo, nunc data Pansophie;

Spem ne pone tuam, superant tua carmina mortem,

   Sparsaqve non vanè semina servat humus.

Posteritas non sera metet, jam messis in herba est,

   Articulos norunt fata tenere suos.                            

Paulatim  natura patet, felicibus unâ,

   Si modò conatûs jungimus, esse licet.

Tempus erit qvo te, COMENI, turba bonorum,

   Factaqve, spesqve tuas, vota qvoqve ipsa, colet.

Glückseliger Greis, neuer Bewohner der wahren Welt,

von der uns deine Sorge (dein forschendes Mühen) schon jetzt ein Bild gegeben hat;

ob du nun frei auf die menschlichen Verhältnisse und die heillosen Streitigkeiten

herabblickst und noch immer von unseren Leiden (oder Übeln) berührt wirst,

oder ob dir jetzt, da du das Wesen der Dinge und die Geheimnisse der Welt schaust,

die Allweisheit (die Pansophie), die dem Erdenleben versagt ist, zuteil wurde,

gib deine Hoffnung nicht auf, deine Werke überleben den Tod,

und der Ackerboden bewahrt den nicht vergeblich ausgesäten Samen.

Nicht allzu spät wird die Nachwelt ernten, schon reift die Ernte heran,

das Schicksal weiß den rechten Zeitpunkt einzuhalten.

Allmählich offenbart sich die Natur. Wir dürfen gemeinsam glücklich sein,

wenn wir nur unsere Anstrengungen vereinen. 

Es wird die Zeit kommen, da eine Vielzahl guter Menschen, dich, Comenius, ehren,

deine Werke und deine Hoffnungen schätzen, ja selbst deine innigsten Wünsche verwirklichen wird.34 

Mit diesem Gedicht und besonders mit den letzten Zeilen hat sich Leibniz schon in jungen Jahren als „visionärer Denker”35 erwiesen, als der er auch heute noch in vieler Hinsicht gilt. 

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