— von Klaus Bartels

Stichwort »Armbrust«

Durch diese hohle Gasse muss er kommen, es führt kein andrer Weg nach Küsnacht ... Hier vollend ichs ...“ So beginnt Tells grosser Monolog in Schillers Drama. Wie Tell da laut Regieanweisung „mit der Armbrust“ auftritt, so ist er – und mit ihm die zwei Akte zuvor auf dem Rütli begründete Eidgenossenschaft – mit dieser Waffe verbunden geblieben. Wer von einer Armbrust hört, denkt an Tell, und wer an Tell denkt, denkt an seine Armbrust – und gleich weiter an den starken Arm, der sie gespannt hat, und die tapfere Brust, die auf den Tyrannen gezielt hat. Aber das ist nicht der Anfang, sondern erst das Ende dieser Wortgeschichte.

Am Anfang steht da, was die Sache betrifft, ein bei dem griechischen Maschinenbauer Heron beschriebener gastraphétes, wörtlich „Bauch- (Pfeil-) schleuderer“, und was das Wort betrifft, die erstmals in einer spätantiken militärischen Schrift bezeugte lateinische Bezeichnung arcuballista, wörtlich „Bogen- (Pfeil-) werfer“. Bei einem einfachen Bogen mit Sehne ist die Spannkraft des Bogens auf die Zugkraft eines menschlichen Armes begrenzt; diese „Bauch-“ und „Bogenwerfer“ liessen sich – etwa durch einen Haken am Gürtel des Schützen – mit ganzer Leibeskraft spannen und zudem durch eine Rückhaltevorrrichtung mit mehrfacher Spannkraft aufladen.

Gegenüber dem griechischen „Bauchschleuderer“ war die spätantike aus dem lateinischen arcus, „Bogen“, und dem griechischen ballistés, „Werfer“, zusammengesetzte arcuballista, „Bogenwerfer“, gewiss die klarer sprechende Bezeichnung. Aber für die nicht lateinkundigen Landsknechte des hohen Mittelalters war diese fünfsilbige arcuballista und selbst die schon leicht verkürzte mittelalterliche arbalista dann doch ein zu grosses Kaliber, und vor allem: Das lateinische Wort sagte ihnen nichts mehr von „Bogen“ und „Werfen“. 

In der französischen Tochtersprache hat sich die spätlateinische arbalista über eine altfranzösische arbaleste in der arbalète erkennbar erhalten – Eisenbahnfans mögen sich noch der „Arbalète“ erinnern, die sie früher einmal pfeilschnell von Basel nach Paris geschossen hat. Aber im Mittelhochdeutschen begegnet ebendiese arbalista bald arg verhackstückt als ein zweisilbiges – nun sächliches – armburst oder armborst oder gar vollends eingeschrumpft als ein einsilbiges armst. Ähnlich war um die gleiche Zeit aus dem griechischen, im Westen nicht mehr sprechenden Ehrentitel archiater, „Erster Arzt“, ein mittelhochdeutscher arzat oder arzet und schliesslich ein „Arzt“ geworden.

Irgendwann, irgendwo ist damals aus diesem verhackstückten armburst oder armborst noch im Mittelalter die wiederum sprechende deutsche „Armbrust“ geworden. Der Anklang an den starken „Arm“, der sie spannt, und an die tapfere „Brust“ dahinter legte eine solche „Volksetymologie“ nur zu nahe. Nun konnten sich die Landsknechte, die diese Armbrüste handhabten, dabei doch wieder etwas Heldenhaftes denken, und man kann sich vorstellen, wie der Landsknechtsname Armbruster einem solchen Schützen stolz die Brust hat schwellen lassen. „Armbrüste“? Kein Wunder, dass das mittelhochdeutsche sächliche armbrust in der Folge zu einer weiblichen „Armbrust“ geworden ist und dass es, nein: sie dann noch den geläufigen Plural „Armbrüste“ – laut Duden „auch: Armbruste“ – gebildet hat.


Stichwort »Mittelstand«

Im Wahlkampf hat der „Mittelstand“ Saison. So jung das Wort scheint: Es stammt wie die „Demokratie“ aus Athen, und seinen ersten Auftritt hatte es – auf griechisch, versteht sich – in einer Euripideischen Tragödie, im Munde des mythischen Königs Theseus: „Drei Teile sind’s von Bürgern; erst die Reichen: / Unnütz sind die und voller Gier nach mehr; / die Armen dann, die nichts zu beissen haben: / Die sind gefährlich, voller Neid und Hass, / und kehren ihre Stacheln gegen jene, / von üblen Volksverhetzern angeführt. / Der Drittteil in der Mitte trägt die Staaten / und schützt die Ordnung, die der Staat sich gibt.” Und in der Folge hat Aristoteles diese „Mittleren“ als den staatstragenden Stand gewürdigt und in den politischen Wortschatz eingeführt:

„In allen Staaten gibt es diese drei Teile der Bürgerschaft: die überaus Reichen, die überaus Armen und als dritte die Mittleren – die mésoi – zwischen diesen. Da nun anerkanntermassen das Massvolle und damit das Mittlere das Beste ist, so ist offenkundig auch bei den Glücksgütern der mittlere Besitz der beste von allen. Denn dieser hat es am leichtesten, der Vernunft zu gehorchen; dem übermässig Schönen oder Starken, übermässig Vornehmen oder Reichen dagegen oder deren Gegenstücken, dem übermässig Armen oder Schwachen oder ganz und gar Geringgeschätzten, fällt es schwer, der Vernunft zu folgen. Denn die ersten werden eher zu Rechtsverächtern und Kriminellen im Grossen, die anderen allzu leicht zu Betrügern und Kriminellen im Kleinen; zu Rechtsverletzungen kommt es im ersten Fall aus Selbstüberschätzung, im zweiten aus niederer Gewinnsucht. Auch drücken sich diese Mittleren am wenigsten vor den politischen Ämtern oder drängen sich zu ihnen; beides ist für den Staat ja gleicherweise unzuträglich.

Dazu kommt: Die im Überfluss von allen Glücksgütern leben, von Stärke, Reichtum, Freunden und anderen solchen Gütern, sind weder willens noch fähig, sich einer Herrschaft zu fügen, und das zeigt sich gleich von Haus aus bei den Kindern: In ihrer Verwöhntheit sind sie ja schon in der Schule nicht gewohnt, sich etwas sagen zu lassen. Die dagegen im Übermass Mangel leiden an alledem, sind allzu unterwürfig. So sind die einen nicht fähig, irgendeine Herrschaft auszuüben, sondern allenfalls, sich einer knechtenden Herrschaft zu unterwerfen, die anderen nicht fähig, sich irgendeiner Herrschaft zu fügen, sondern allenfalls, eine herrische Herrschaft auszuüben. Daraus kann nur ein Staat von Knechten und Herren werden, nicht einer von freien Bürgern, nur ein Staat, in dem die einen mit Missgunst und Neid, die anderen mit Geringschätzung auf die Gegenseite sehen. Das aber ist weit entfernt von Freundschaft und so auch von politischer Gemeinschaft. ... 

Aus alledem geht klar hervor, dass die politische Gemeinschaft die beste ist, die sich auf diese Mittleren stützt, und dass solche Staaten politisch in guter Verfassung sein können, in denen der Mittelstand stark ist und sich gegen die äusseren Teile der Bürgerschaft durchsetzen kann – im besten Fall gegen beide zugleich oder sonst doch wenigstens gegen einen der beiden. Denn dann kann sein Gewicht, der einen oder anderen Seite zugelegt, jeweils den Ausschlag geben und verhindern, dass es zu einem Übergewicht der entgegengesetzten Seite kommt. Daher ist es der grösste Glücksfall, wenn in einem Staat die Bürger durchweg über einen mittleren und dabei doch hinreichenden Besitz verfügen.“

Aristoteles hat nie zu den Schulautoren gezählt, und so ist dieser vierundzwanzig Jahrhunderte alte Glückwunsch der alt-athenischen Demokratie an die Schweiz und ihren starken Mittelstand weithin unbestellt geblieben. Jetzt im Wahljahr sei er wieder einmal ausgerichtet!

Das Aristoteleszitat ist übernommen aus der Zitatensammlung „Jahrtausendworte – in die Gegenwart gesprochen“, ausgewählt, übersetzt und vorgestellt von K. B., 2. Auflage, Rombach Verlag, Reihe Paradeigmata 50, Freiburg i. Br. 2019

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