— von Klaus Bartels

Die folgenden Stichworte sind in den zurückliegenden Wochen in der NZZ erschienen. Wir danken Klaus Bartels dafür, dass wir diese tiefgründigen Wortbiographien hier nachdrucken dürfen.

Schicken Sie Ihre Schülerinnen und Schüler einmal z. B. auf die Spuren des Januar (im Lateinbuch, in einem Lexikon, im Duden, bei Bauernregeln, bei Wikipedia) und lassen Sie anschließend die Ergebnisse mit den Recherchen von Klaus Bartels unter dem Stichwort Januar vergleichen.

Stichwort „Januar“

Die Kopfzeile der neuen Agenda bezeugt es: Von Januar bis Dezember ist unser Kalender ganz und gar römisches Erbe. Der „Juli“ ehrt den Begründer des Julianischen Kalenders Julius Caesar, der „August“ seinen Bewahrer Kaiser Augustus; die folgenden Monate von September bis Dezember sind nüchtern auf Lateinisch durchgezählt; der erste, der Januar, steht unter dem göttlichen Schutz des Ianus bifrons, des „zwiegesichtigen“ zugleich ins neue Jahr voraus- und ins vergangene zurückblickenden Hüters von Eingang und Ausgang, von Tor und Tür, ianus und ianua.

Rückschau und Ausschau: Das passt zum Eintritt in ein neues Jahr. Nur: Dieser erste Monat ist der Januar nicht von Anfang an gewesen. Das altrömische Bauernjahr begann mit der Aussaat im März und und zählte ursprünglich nur zehn Mondmonate; die Zählung von September bis Dezember, vom „Siebenten“ bis zum „Zehnten“, erinnert noch an den alten Neujahrstag, den 1. März, zu dem man sich Datteln, Feigen und Honig schenkte. Offenbar waren die gut sechzig Tage zwischen Dezember und März in jenem frühem Bauernkalender eine ungenutzte und darum auch unbenannte buchstäblich „übrige“ Zeit geblieben.

Einen elften und zwölften Monat, berichtet Livius, habe erst König Numa, der Nachfolger des Romulus, in Rom eingeführt. Er – oder wer immer es war – dürfte diesen elften Monat dann auch Ianuarius (mensis), den „Januarischen (Monat)“, genannt haben, damals, versteht sich, noch einzig in Hinblick auf den Eintritt in einen neuen Sonnenumlauf. Zum ersten Monat ist dieser Januar erst später geworden, zunächst 154 v. Chr., als der Senat den Amtsantritt der Konsuln, die dem Jahr den Namen gaben, vom 15. März auf den 1. Januar vorzog, und vollends 45 v. Chr., als Caesar den Beginn des Amtsjahrs mit der Einführung des neuen Kalenders überhaupt zum Neujahrstag seines Julianischen Jahres erhob.

Am Anfang seines poetischen Festkalenders, unter den „Kalenden“, dem Monatsersten, des Januar, ruft Ovid den Schutzgott dieses nun gleicherweise astronomischen, magistratischen und kalendarischen Jahresbeginns um seinen göttlichen Segen für Senat und Volk von Rom an. Und siehe da – der „zwiegesichtige“ Gott mit seinen zwei „wundergestaltig“ vorwärts der Zukunft, rückwärts der Vergangenheit zugewendeten Gesichtern erscheint dem erschreckten Dichter in leibhaftiger Gestalt und gewährt ihm ein Interview zur alten und zur neuen Zeit, zum Neujahrstag und zum neumodischen Neujahrsgeld.

Da singt dieser Janus zunächst das Lob der guten alten Zeit, als man das Kapitol noch mit frischem Laub statt mit edlen Steinen schmückte, als der Senator seine Schafe noch eigenhändig auf die Weide führte und der Prätor seinen Pflug stehen liess, um in der Stadt Gericht zu halten. Und darauf übt er herbe Kritik an der masslosen Konsumsucht der Gegenwart: „Blindlings erwirbt man, verbraucht man, erwirbt man neu das Verbrauchte; / während sie wechselt, ernährt jegliche Übel die Sucht ... / Was heute gilt, ist das Geld: Der Besitz verleiht Ämter und Würden, / Freunde verschafft der Besitz – arm giltst du überall nichts ...“

Doch am Ende schlägt dieses Lob der altrömischen Vätersitte unversehens in augenzwinkernde Freude am Glanz der Gegenwart um: „Auch uns Götter erfreu’n, so sehr wir die alten auch schätzen, / goldene Tempel: Ihr Glanz steht einem Gotte wohl an. / Ja, wir loben die alten, doch freuen uns unserer Zeiten: / Beiderlei Lebensart ist gleich hoher Schätzung doch wert!“ Wen wundert’s, dass dieser doppelgesichtige Janus derart doppeldeutige Reden führt? Er hat ja wieder zwiefach recht, über die zwei Jahrtausende hin, in denen seine Augusteische Gegenwart zu unserer „alten Zeit“, unserer Antike, geworden ist.


 Stichwort „Börse“

Ungleiche Familienzweige: ein kaufmännischer, der zwischen New York und Tokio zu globaler Bedeutung gekommen ist, und ein akademischer, der es im Kaufmännischen nicht über eine WG mit gemeinsamer Kasse hinausgebracht hat. Die „Börse“ aus der niederländischen und der „Bursche“ aus der deutschen Linie sind Cousine und Cousin, aber im Laufe der Jahrhunderte sind sie einander doch so fremd geworden, dass sie einander kaum mehr als Verwandte erkennen.

Am Anfang steht da eine griechische byrsa in der Bedeutung eines abgezogenen „Tierfells“ oder einer frischgegerbten „Tierhaut“, so auch als ein derbes, anrüchiges Schimpfwort gebraucht. Das Wort erscheint zuerst im 5. Jahrhundert v. Chr.; Herodot berichtet, wie die Araber bei der Suche nach einer würzigen Baumrinde den ganzen Körper und das Gesicht bis auf die Augenschlitze „mit byrsai und anderen Häuten“ einhüllen, um sich vor einer angriffigen Art von Fledermäusen zu schützen. Im Griechischen hat diese byrsa keine Stammverwandtschaft; wer weiss, aus welchem fremdem Idiom, mit welchen exotischen Tierhäuten es damals importiert worden ist?

Irgendwann, irgendwo zwischen Spätantike und Frühmittelalter hat diese griechisch gegerbte byrsa, lateinisch dann bursa, die engere Bedeutung eines „Geldbeutels“ angenommen; von dieser klingenden Bedeutung sind in der frühen Neuzeit die beiden Familienzweige der „Börse“ mit dem dickeren und des „Burschen“ mit dem dünneren Beutel ausgegangen.

Im 15. Jahrhundert ist die Stadt Brügge, seit dem hohen Mittelalter Sitz der flandrischen und Stapelplatz der deutschen Hanse, zum Geburtsort der „Börse“ geworden. Dort war der sprechende Name des patrizischen Handelshauses van der Beurse mit drei Geldbeuteln im Wappen auf den Platz „de beurse“ davor übergegangen, und damit war dieser geschäftige Handelsplatz lombardischer Kaufleute in Brügge zu einem ersten „Börsenplatz“, eigentlich „Beutelplatz“, geworden. Von da ist die bildhafte Bezeichnung bursa, beurs, „Börse“ zunächst 1531 auf die nahe Antwerpener Börse und bald weiter auf Geld- und Waren-Börsen in Lyon und Toulouse, Augsburg und Nürnberg übergesprungen. Auch die „Royal Exchange“ in London hiess anfänglich „The Bourse“.

Und der deutsche Vetter, der „Bursche“? Nach ebendieser bursa, dem mal mehr, mal weniger prall gefüllten gemeinsamen „Beutel“, hiess eine studentische Wohngemeinschaft mittelhochdeutsch eine burse, frühneuhochdeutsch eine „Bursche“. Aus dem Kollektiv der in einer solchen burschenschaftlichen WG zusammen wirtschaftenden Studiosi ist im 17. Jahrhundert der einzelne junge  „Bursche“ hervorgegangen, wie aus dem Kollektiv der in einem Wohngemach versammelten, einer Spinnstube arbeitenden Frauen das einzelne „Frauenzimmer“ – wobei der „Bursche“ sein natürliches männliches Geschlecht bekam, das despektierlich so genannte „Frauenzimmer“ dagegen das sächliche behielt.

Mittlerweile gibt es neben den jungen auch ältere „tolle“ oder „üble Burschen“. Im Studentenjargon des 18. Jahrhunderts hat sich jene alte byrsa noch einmal mit einer echt griechischen Schwanzfeder zu einem hybriden deutsch-griechischen „burschikos“, „auf Burschenart“, herausgeputzt. So neu war diese Bier-Idee zwar nicht: Schon zuvor war ein entsprechendes „studentikós“ aufgekommen, und ein altes Lexikon verzeichnet noch ein geradeso bierschaumgeborenes lateinisch- griechisches Kneipen-Kommando (ex-) „haustikós“, sozusagen „auf ex-trinkende Weise“.


 Stichwort „Individuell“

„Individuelle“ Beratung im Private Banking: klingt das nicht noch eine Spur privater, feiner, als „persönlich“? Wer ein wenig Latein im Hinterkopf hat, erkennt in dem Wort ein negierendes in-, den Verbstamm divid-, „teilen“, und die zwei Adjektiv-Ausgänge - uus und -alis: Das prägefrische „Individuum“ bezeichnet ein „Unteilbares“, und eine „individuelle“ Beratung wäre danach eine „unteilbare“, dem Einzelnen geltende Dienstleistung. Und auch ohne alles Latein im Hinterkopf melden sich hier noch die mathematische und die militärische „Division“, „(Ein-) Teilung“, die derart individuell hochgerühmte „Dividende“, „(Aus-) Teilung“, und – um drei Ecken – noch die ausländischen „Devisen“ zu Wort.

Manchmal lässt Cicero uns ganz nah beim (Lehn-) Wörter-Prägen zusehen, und im Folgenden gleich zweimal, zunächst bei den „Individuen, die Demokrit átoma – griechisch: Unteilbare – nennt“. Da giesst der Stoiker Balbus seinen köstlichen Spott auf die alten Atomisten und die Epikureer aus, die den Kosmos – mehr als zwei Jahrtausende vor Urknall und Darwin – aus blinder Naturgesetzlichkeit zu erklären suchten: „Soll ich mich hier nicht verwundern, dass es auch nur einen Menschen gibt, der sich das weismachen kann: Dass da irgendwelche festen und unteilbaren Körper – individua corpora – mit ihrer Stosskraft und Schwerkraft durcheinanderfliegen und dass diese so wundervolle, wunderschöne Welt aus dem zufälligen Aufeinanderprallen dieser Körperchen hervorgegangen sei? Wenn einer das für möglich hält, dann verstehe ich nicht, warum der nicht auch dies für möglich hält: Wenn unzählige Ausformungen unserer 21 Buchstaben, goldene oder bronzene, irgendwo auf einen Haufen geworfen und dann querbeet auf die Erde ausgeschüttet würden, dass daraus die ,Annalen‘ des Ennius hervorgehen könnten, dergestalt, dass sie dann vom ersten bis zum letzten Vers durchzulesen wären. Ich weiss nicht, ob der Zufall auch nur für einen einzigen Vers so viel zu leisten vermöchte ...“

Und gleich darauf springt noch die „Qualität“ aus Ciceros Wörter-Prägestock: „... Diese Leute aber behaupten steif und fest, dass die ganze Welt auf eben jene Weise aus Körperchen, die nicht mit Farbe, überhaupt nicht mit irgendeiner Qualität – qualitas –, was die Griechen poiótes nennen, auch nicht mit Wahrnehmung ausgestattet sind, sondern blindlings und zufällig aufeinanderprallen, zu ihrer Vollendung gelangt sei. Ja sogar: dass unzählige Welten in jedem Augenblick an einem Ort entstehen, an einem anderen wieder vergehen. Wenn solch ein Aufeinanderprallen von Atomen – atomorum – eine ganze Welt hervorbringen kann, warum kann es nicht jetzt einmal eine Säulenhalle, warum nicht einen Tempel, warum nicht ein Haus, warum nicht eine ganze Stadt hervorbringen – was doch alles viel, viel geringere Mühe machte?“

Zwei Kuckucksjunge in einem Nest: Platon hatte seine poió-tes, wortwörtlich „Wie- heit“, in einem späten Dialog noch als eine „aussergewöhnliche“ Wortprägung eingeführt, Aristoteles hat diese „Wieheit“ zu einer seiner acht Kategorien erhoben, und Cicero hat uns mit seiner geradeso künstlichen Lehnübersetzung quali-tas die viel-neusprachliche „Qualität“ beschert und uns damit den unschönen Zungenbrecher einer „Pöotät“ erspart. Dagegen haben sich Ciceros lateinische individua für die griechischen átoma über das eine oder andere Echo hinaus nicht durchgesetzt; fürs „Unteilbare“ ist die physikalische Terminologie beim Original geblieben. Erst die frühe Neuzeit hat die Ciceronische Prägung wieder aufgegriffen und nun auf den Menschen als Einzelnen, sozusagen als „Atom“ der Gesellschaft bezogen: auf seine „Individualität“, seinen „Individualismus“ und seine – nun schon in sechs Sprach-Atome teilbare! – „In-divid-u-ali-sa-tion“. Wäre es anders gelaufen, sprächen wir heute statt von einer Atomphysik und Atomenergie, wer weiss, vielleicht von einer Individualphysik und Individualenergie, von Individualkraft, IKW’s und einem Individualausstieg. Stattdessen müssen wir uns jetzt von einer „individualisierten“ Mikronährstoffmischung dreimal duzen lassen: „IndiviDUell, weil DU DU bist“.

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